Glossiert


Wladimir Illjitsch Lenin ....

... hatte doch recht: Ja, die Deutschen kaufen sich, bevor sie auf einem Bahnhof eine Revolution anzetteln, erst mal noch eine Bahnsteigkarte. Und wenn Ihnen dort dann ein Offizieller in Uniform sagt, Revolution sei falsch, dann glauben sie ihm das ohne Widerrede und gehen klaglos wieder heim.

Von dieser urdeutschen Eigenschaft unserer wohlanständigen und kritiklosen Obrigkeitshörigkeit profitiert aktuell Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler. Der wird nicht müde uns den mangelnden Glanz seines eben abgelieferten Gesundheitsreförmchens mit der vermeintlichen Weisheit zu verkaufen, Gesundheitsfürsorge müsse gottgegeben eben immer teurer werden, weil doch in der alternden deutschen Gesellschaft der Therapiebedarf steige und der medizinische Fortschritt das System also teurer mache. Dass dies tatsächlich so ist, dafür bleibt er uns den Beweis aber schuldig. Und es gehört eben zu den von Lenin begriffenen Phänomenen deutscher Realpolitik, dass an solch mutiger Kernthese schwarz-gelber Gesundheitspolitik so gar keine Zweifel laut werden.

Entsprechend glauben nach einer aktuellen Umfrage der Bertelsmann-Stiftung auch 80 Prozent der Bevölkerung, die Gleichung, mehr Alte bedeuten höhere Gesundheitskosten, treffe zu. Dabei weckt schon ein flüchtiger Blick in die GKV-Ausgabenstatistik Zweifel. Seit Jahren steigt in der Krankenversicherung der Rentner (KVdR) die Zahl der angeblich krankheitsanfälligeren über 80-Jährigen. Allein in den vergangenen fünf Jahren nahm ihre Zahl um über zehn Prozent zu.

Dennoch aber - und jetzt wird's wirklich interessant - ist der Anteil der KVdR-Ausgaben an den GKV-Gesamtausgaben seit der letzten Statistik-Umstellung im Jahr 2002 nur von 47 auf 49 Prozent gestiegen. Die Gesamtausgaben haben sich seither aber um dramatische 30 Prozent erhöht und stiegen alleine im abgelaufenen Jahr um zehn Prozent. Wer immer dafür verantwortlich ist, die Demografie ist es nicht.

Wer aber dann? Die medizinische Forschung weist uns den Weg. Für sie ist längst kein Wunder mehr, dass längeres Leben mit mehr gesunden Lebensjahren einhergeht und nur gegen Lebensende die Therapiekosten wirklich stark ansteigen. Dazu passt auch der wirklich erstaunliche Befund, dass in unseren alternden Industriegesellschaften das individuelle Risiko, pflegebedürftig oder behindert zu werden, seit Jahren sinkt. Wir werden insgesamt immer gesünder, fand das Robert Koch-Institut heraus. Grund ist aber nicht der medizinisch-technische Fortschritt, sondern unsere immer gesündere Lebensweise.

Zudem ist nicht wirklich begründbar, warum Fortschritt rund um den Globus zu Kostensenkungen führt, nur im Gesundheitswesen nicht. Viel spricht deshalb dafür, dass dies eben weniger mit den echten Kosten neuer Techniken, Verfahren und Medikamenten zu tun hat, als vielmehr mit dem mangelnden Wettbewerb im Gesundheitssystem. Und der hieraus folgenden geringen Preiselastizität der Nachfrage. Nur so ist möglich, dass eine OP-Schere immer noch das Vielfache einer genauso präzise gearbeiteten Haushaltsschere kosten kann.

Warum zweifelt niemand an den Kernthesen gelb-schwarz-roter Gesundheitspolitik?

Dr. Hans-Joachim Hofmann, Chefredakteur

Quelle: Arzt&Wirtschaft, Pädiatrie, 1. Quartal/2011, Editorial, Seite.1 



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